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Garcinia cambogia – ein Schlankmacher?

oder: manchmal ist es doch besser, wenn nicht drin ist was drauf steht

Ein Bericht aus unserem Laboralltag

Dr. Christiane Lerch

 

Im Dezember 2015 wurden dem CVUA Stuttgart zwei aus den USA stammende, als „Fatburner“ bezeichnete Verdachtsproben „Garcinia cambogia-Kapseln“ eines hiesigen Vertreibers zur Überprüfung und Bewertung des Hydroxycitronensäuregehalts vorgelegt.

 

Hydroxycitronensäure (HCA) stammt aus der Rinde der Früchte der Garcinia-cambogia-Pflanze und wird vor allem im Internet als Schlankheitsmittel beworben. Tierversuche lassen allerdings vermuten, dass bei Aufnahme größerer Mengen Garcinia cambogia-Extrakte toxische Effekte auftreten können.


Die Proben sollten laut Deklaration zu 100 % aus Garcinia cambogia-Extrakt mit einem Gehalt von 85 % HCA bestehen.

 

Abb.: Garcinia cambogia-Früchte am Baum, Quelle: sarangib/ Pixabay , Public Domain.

Abb.: Garcinia cambogia-Früchte am Baum, Quelle: sarangib/ Pixabay , Public Domain

 

Garcinia cambogia

Garcinia cambogia ist ein mittelgroßer, zwischen 5–20 Meter hoher, immergrüner Baum mit orangengroßen, kürbisähnlichen Früchten, der in Südasien beheimatet ist. Die Frucht der Pflanze, genauer ihre Fruchtrinde, wird in der südindischen und thailändischen Küche für kulinarische Zwecke genutzt, vor allem als Gewürz bei der Zubereitung von Curry-, Fleisch- und Fischgerichten. Weiterhin wird die Fruchtschale von Garcinia cambogia in der indischen traditionellen Heilkunst (Ayurveda) angewendet [1], [2].

 

Hydroxycitronensäure (HCA)

Die Fruchtrinde von Garcinia cambogia enthält bis zu 30 % ihres Trockengewichts HCA [2], [3].

Diese Substanz wird als wertbestimmender Bestandteil der in Nahrungsergänzungsmitteln verwendeten Garcinia cambogia-Extrakte angesehen.

 

Infokasten

(-)-Hydroxycitronensäure

Abb.: Strukturformel von 1,2-Dihydroxy-propan-1,2,3-tricarbonsäure, Quelle: ntp.niehs.nih.gov.
Abb.: Strukturformel von 1,2-Dihydroxy-propan-1,2,3-tricarbonsäure, Quelle:

https://ntp.niehs.nih.gov/ntp/htdocs/chem_background/exsumpdf/garciniacambogiaext_508.pdf

 

HCA ist strukturell mit der als Lebensmittelzusatzstoff zugelassenen Zitronensäure verwandt (zusätzliche –OH-Gruppe). Da das HCA-Molekül zwei asymmetrische Zentren hat, sind vier verschiedene enantiomere Formen möglich, wobei lediglich das (-)-HCA Isomer natürlicherweise als Inhaltsstoff der Fruchtrinde von Garcinia-Arten (G. cambogia, G. indica sowie G. atroviridis) auftritt und Nahrungsergänzungsmitteln zugesetzt wird.

 

Wirkung von Garcinia cambogia bzw. HCA

Aufgrund der im Tierversuch ermittelten Eigenschaft, ein wichtiges Enzym im Fettstoffwechsel zu hemmen, werden Garcinia-Cambogia-Extrakten bzw. der Substanz HCA schlankheitsfördernde Wirkungen zugeschrieben. Für den Menschen konnte diese Wirkung bisher wissenschaftlich nicht plausibel nachgewiesen werden [4], [5].

 

Das nationale Gesundheitsinstitut der USA NHI (National Institutes of Health) schreibt in seinen Verbraucherhinweisen zu Garcinia cambogia, dass die schlankheitsfördernde Wirkung lt. den bisher durchgeführten wissenschaftlichen Studien allenfalls marginal ist und sich nicht signifikant von einer Placebowirkung unterscheidet [6], [7].

 

Stellungnahme des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR), Berlin, zur Sicherheit des vorgelegten Erzeugnisses

Aufgrund der Initiative eines anderen Bundeslandes war für das vorliegende Erzeugnis bereits ein Gutachten durch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) veranlasst worden. Da dem BfR zum damaligen Zeitpunkt nur die Etikettierung vorlag, wurde im Gutachten von der deklarierten Tagesaufnahme an HCA (1275 mg) ausgegangen.

 

Das BfR führt in seiner Stellungnahme aus, dass bei einer Studie an Ratten mit einem bestimmten Garcinia cambogia-Extrakt hodentoxische Effekte bei männlichen Tieren festgestellt wurden. Für Ratten wurde deshalb ein NOAEL (No Observed Adverse Effect Level) entsprechend einer Zufuhr von 389 mg HCA pro kg Körpergewicht (KG) und Tag identifiziert. Andererseits wurden in einer zwei-Generationsstudie mit einer anderen definierten HCA-Zubereitung auch bei der höchsten verabreichten Zufuhrmenge (entsprechend 610,8 mg HCA pro kg KG und Tag) keine hodentoxischen Effekte sowie keine Beeinträchtigung der Fortpflanzungsfähigkeit bei männlichen Tieren beobachtet [8], [9].

 

Das BfR zieht daraus den Schluss, dass aufgrund der bestehenden Unsicherheiten

  • zur genauen Zusammensetzung des vorliegenden Erzeugnisses,
  • zur Auswahl eines relevanten „No Observed Adverse Effect Level“ (NOAEL) aus Tierversuchen mit verschiedenen HCA-Zubereitungen und
  • zur Beantwortung der Frage, welcher Sicherheitsfaktor für die Ableitung einer als sicher angenommen Aufnahmemenge als ausreichend anzusehen ist

sich gegenwärtig nicht abschließend beurteilen lässt, ob bei Zufuhr des vorliegenden Garcinia-cambogia-Extrakts in der empfohlenen Dosierung das Auftreten schädlicher Wirkungen wahrscheinlich ist.

 

Das BfR stellte allerdings auch fest, dass die im Tierversuch bei bestimmten HCA-Zubereitungen aufgetretenen toxischen Effekte schwerwiegend sind und nach den bisher vorliegenden Informationen die Sicherheit des Erzeugnisses für den Menschen nicht belegt ist.

 

Untersuchungsergebnisse – mit Überraschungseffekt

Vom CVUA Stuttgart wurde zügig eine Analysenmethode etabliert, die es erlaubte, den Gehalt an HCA in den Proben in dem für eine Sicherheitsbewertung relevanten Konzentrationsbereich halbquantitativ zu bestimmen.

 

Abb.: Fotos der Verdachtsproben.

Abb.: Fotos der Verdachtsproben

 

Außerdem wurden die Proben auf „normale“ Parameter zur Zusammensetzung untersucht. Da sich die Etikettierung der Proben lediglich durch die Chargenangabe und das Mindesthaltbarkeitsdatum unterschied, gab es hier gleich eine Überraschung.

 

Bereits bei der optischen Prüfung wiesen die Proben Unterschiede auf. In der chemischen Untersuchung zeigte sich dann eine ganz verschiedene Zusammensetzung: Eine Probe bestand zu 70 % aus Stärke, die andere enthielt 30 % „Asche“, also einen hohen mineralischen Anteil. Der Befund zeigt eine erhebliche „Streckung“ beider Proben an – trotz einer ausdrücklichen Bewerbung „ohne Füllstoffe“.

 

Die Kapselhülle beider Proben bestand auch nicht wie angegeben aus pflanzlichem Material sondern aus Gelatine.

Keine Überraschung war es dann mehr, dass die Gehalte an HCA wesentlich niedriger ausfielen als die nach der Deklaration zu erwartenden 85 %. In der mit mineralischen Verbindungen versetzten Probe wurde ein Gehalt an HCA von unter15 % und in der mit stärkehaltigen Zutaten gestreckten Probe nur ein Gehalt an HCA unter 1 % bestimmt.

 

Beurteilung der Proben

Auf dem Etikett wurde eine Tagesverzehrsmenge von drei Kapseln empfohlen, die rechnerisch eine Menge von 1275 mg HCA enthielt. Anhand der Analysenergebnisse errechnet sich für die Proben eine Aufnahmemenge von maximal 228 mg HCA bzw. maximal 15 mg HCA pro Tag. Für eine 70 kg schwere Person bedeutet dies eine Zufuhrmenge von maximal 3,3 mg HCA bzw. maximal 0,2 mg HCA pro kg KG.

 

Für die Bewertung der Sicherheit wurde vom „worst case“ ausgegangen, also dem an Ratten ermittelten NOAEL von 389 mg pro KG, und mit einem, bei derartigen Fragestellungen üblichen, Sicherheitsfaktor von 100 multipliziert.

Die festgestellten Zufuhrmengen an HCA liegen etwa um den Faktor 120 bis 2000 unterhalb des durch tierexperimentelle Untersuchungen identifizierten NOAELs. Die Proben wurden deshalb als „nicht gesundheitsgefährdend“ beurteilt.

 

Allerdings wurde die unzutreffende Kennzeichnung „100 % Garcinia cambogia-Extrakt mit 85 % HCA“ sowie die Angaben „Kapselmaterial pflanzlicher Herkunft“ und die Bewerbung „ohne Füllstoffe“ als irreführend beanstandet.

Die Bezeichnung „Fatburner“ und die gleichartige Bewerbung im Internet (z.B. „Wunder der Fettverbrennung“) wurde aufgrund des fehlenden Wirkungsnachweises ebenso als Verbrauchertäuschung gewertet.

 

Fazit

Auch dieser geschilderte Fall bestärkt die Empfehlung „Hände weg von Schlankheitsmitteln aus dem Internet“. Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter anderem auf folgenden Internetseiten:

 

Quellen

[1] Jellin JM et al. (2009). Pharmacist’s Letter/Prescriber’s Letter Natural Medicines Comprehensive Database. 12th ed. Stockton, CA. Therapeutic Research Faculty, pp. 914–915.

[2] Khare CP (2007). Indian medicinal plants: an illustrated dictionary. Springer, Berlin, Deutschland.

[3] Lewis YS, Neelakantan S (1965). (-)-Hydroxycitric acid – the principal acid in the fruits of Garcinia cambogia desr. Phytochemistry 4, 619–625.

[4] Jena BS, Jayaprakasha GK, Singh RP, Sakariah KK (2002), Chemistry and biochemistry of (-)-hydroxycitric acid from Garcinia. J Agricul Food Chem, 50, 10–22.

[5] Li Oon Chuah, Wan Yong Ho, Boon Kee Beh and Swee Keong Yeap, Review Article - Updates on Antiobesity Effect of Garcinia Origin (-)-HCA, Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine, Volume 2013, Article ID 751658, 17 pages Hindawi Publishing Corporation

[6] https://ods.od.nih.gov/factsheets/WeightLoss-Consumer/

[7] https://ods.od.nih.gov/factsheets/WeightLoss-HealthProfessional/

[8] Saito M, Ueno M, Ogino S, Kubo K, Nagata J, Takeuchi M., High dose of Garcinia cambogia is effective in suppressing fat accumulation in developing male Zucker obese rats, but highly toxic to the testis. Food Chem Toxicol. 2005 Mar; 43(3):411–19.

[9] Deshmukh NS, Bagchi M, Yasmin T, Bagchi D, Safety of a Novel Calcium/Potassium Salt of Hydroxycitric Acid (HCA-SX): I. Two-Generation Reproduction Toxicity Study. Toxicol Mech Methods. 2008; 18(5):433–42. doi: 10.1080/15376510802084030.

 

Bericht erschienen am 16.03.2016 15:34:44

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