Prävention – wichtiger denn je: Die Landesmessstellen für radiologischen Notfallschutz beteiligten sich an bundesweiter IMIS-Übung 2025

Sören Götz, Carolin Löw, Dr. Jörg Rau (CVUA Stuttgart) und Christin Fuchs, Matthias Brüderle (CVUA Freiburg)

 

Zwei Fotos zeigen jeweils eine Gruppe von Personen, die weiße Laborkittel tragen, entweder auf einer Treppe oder auf einer Wiese vor den entsprechenden Dienstgebäuden.

Abbildung 1: Die erweiterten Teams der radiochemischen Labore des CVUA Stuttgart (links) und des CVUA Freiburg (rechts)

 

An der Überwachung der Umweltradioaktivität in Baden-Württemberg (BW) sind die Landesmessstellen an den Chemischen und Veterinäruntersuchungsämtern Freiburg und Stuttgart beteiligt. Die beiden Labore leisten hierbei – gemeinsam mit der Messstelle an der Landesanstalt für Umwelt (LUBW) in Karlsruhe – ihren Beitrag zum nuklearen Notfallschutz.

 

Der für nukleare Ereignisfälle vorgesehene Intensivbetrieb der radiochemischen Labore wird regelmäßig geübt. Diese größeren mehrtägigen Übungen organisiert das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) zentral für ganz Deutschland. Im Oktober war es wieder soweit: Nach einer Meldung der Zentralstelle des Bundes am BfS mit einem fiktiven Szenario erhoben die für die Probenahme zuständigen Expertinnen und Experten der Stadt- und Landkreise eine Vielzahl von Gemüse-, Obst- und Getreideproben, aber auch Futterpflanzen und Wasser.

 

Für die beteiligten Vor-Ort-Behörden bedeutet der Intensivbetrieb die spontane Entnahme spezieller, wenig planbarer Proben, die binnen weniger Stunden aus allen Land- und Stadtkreisen zu den Messstellen angeliefert werden müssen – im Flächenstaat Baden-Württemberg eine größere Herausforderung.

 

Die Labore der Messstellen reagieren auf die erwartete Probenflut mit einem deutlich aufgestockten Personalpool und bei Bedarf mit einem Schichtbetrieb, um die Arbeitsmenge professionell zu bewältigen. Ein Vielfaches der normalen Probenzahl wird nun tagesaktuell im Labor aufgearbeitet und auf den verschiedenen Detektionssystemen gemessen. Die Ergebnisse werden über das dafür vorgesehene Meldesystem des Bundes, das Integrierte Mess- und Informationssystem (IMIS) weitergegeben. Das BfS erstellt daraus Lagebilder für ganz Deutschland, aus denen sich im radiologischen Notfall Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung ableiten lassen. Das können beispielsweise eine Aufstallungspflicht für Nutztiere oder Nutzungsverbote für Lebensmittel und Futtermittel aus dem Freiland sein.

 

Eine Gruppe von Personen in Laborkitteln bespricht Notizen auf einer Pinnwand. Sie befinden sich in einem Kellerraum mit Laboreinrichtung.

Abbildung 2: Besprechung des Übungsszenarios und der Laboraufgaben

 

Um den Belastungen eines sogenannten Intensivbetriebs – möglicherweise über Wochen hinweg – standzuhalten, sind die Messstellen an den CVUAs Freiburg und Stuttgart besonders aufgebaut und ausgestattet. Neben den zusätzlich verfügbaren Räumlichkeiten für die Anlieferung, Annahme und Lagerung der Proben (Probenmanagement) sind insbesondere hohe Kapazitäten für die Probenvorbereitung notwendig. Hierzu zählen ausreichend Zerkleinerungsplätze und spezielle Öfen, die auch die Veraschung größerer Probenmengen zulassen. Nur so kann mit der notwendigen Schnelligkeit und Empfindlichkeit die Radioaktivität in den Proben bestimmt werden.

 

Ein Mitarbeiter in weißem Laborkittel erfasst Probendaten am PC. Er sitzt an einem Arbeitsplatz in einem Kellerraum, im Hintergrund sind Proben in großen Kunststofftüten zu sehen.

Abbildung 3: Probenerfassung in den zusätzlichen Räumlichkeiten

 

Die spezifischen Anforderungen an die Radioaktivitätsmessgeräte sind hoch. Dazu gehören ultratiefgekühlte Reinstgermanium-Halbleiter-Detektoren zur Bestimmung der Gammastrahlung, Low-Level-Proportionalzählrohr-Messplätze für Betastrahlung sowie Flüssigszintillationsmessgeräte, und Messkammern für die Alphastrahlung.

 

Ein Labormitarbeiter sitzt vor einem PC, auf dem Messergebnisse zu sehen sind. Im Hintergrund sind große zylinderförmige Messgeräte zu sehen.

Abbildung 4: Gammaspektrometrische Messung mittels Reinstgermanium-Halbleiter-Detektoren, die zum Schutz vor äußerer Strahlung in Bleiburgen montiert sind (mit Buchstaben beschriftet)

 

In beiden Messstellen sind die Radiochemie-Labore auf die Mitarbeit einer großen Zahl von zusätzlichen Fachkräften angewiesen, die das Stammpersonal in der Notfall- bzw. Übungssituation tatkräftig unterstützen. Der Personalpool stammt aus anderen Laborbereichen und wird durch regelmäßige Fortbildungen, Trainings und Strahlenschutzunterweisungen vorbereitet und qualifiziert. Besonders herausfordernd ist es hierbei, eine gute Teamarbeit aller Beteiligten zu organisieren. Die ungewöhnliche Arbeitssituation, der situationsbedingte Stress und die lebhafte Arbeitsatmosphäre benötigen etwas Eingewöhnung für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

 

Die Messstellen nutzten zudem die Gelegenheit, einen Beobachter aus dem Bereich der Qualitätssicherung in die Übung einzubinden, der einen unabhängigen Blick auf die Abläufe werfen konnte. Auch dessen Rückmeldung wird in der Nachbereitung der Übung 2025 berücksichtigt.

 

Fazit

Die IMIS-Übung 2025 war ein voller Erfolg. Der Belastungstest für das Gesamtsystem zur Überwachung der Umweltradioaktivität nach einem nuklearen Notfall in BW, bestehend aus

  • Probenahme aller Stadt- und Landkreise,
  • Aufarbeitung und Messung der Vielzahl an Proben in beiden Messstellen,
  • fristgerechter Meldung der qualifizierten Messdaten an das BfS über das IMIS-Meldesystem

ist den Messstellen auch dieses Jahr gemeinsam gelungen.

 

Zudem wurden erstmalig zusätzlich zu den Proben nach dem Strahlenschutzvorsorgerecht auch Proben aus dem Rechtsbereich der Lebensmittel- und Futtermittelüberwachung in das Übungsgeschehen integriert. Hierzu musste ein gesonderter Anforderungs- und Meldeweg etabliert werden.

 

Die Landesmessstellen am CVUA Freiburg und am CVUA Stuttgart bewiesen ihre Einsatzfähigkeit auch unter erhöhter Probenlast. Das Zusammenwirken in der Übung hat das Netzwerk der im radiologischen Notfallschutz beteiligten Stellen – Messstellen und Ministerien in BW sowie BfS-Zentralstelle – gestärkt. Es konnten zudem einige Schwachstellen und Verbesserungsmöglichkeiten in den Abläufen an den Messstellen abgeleitet werden. Die Beteiligten gewannen Selbstvertrauen und Handlungssicherheit für den Ernstfall – der hoffentlich nie eintreten wird.

 

Die Übung hat gezeigt, dass eine adäquate technische sowie räumliche Ausstattung der Messstelle und die große Zahl gut ausgebildeter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für einen Intensivmessbetrieb zwingend erforderlich sind. Diese Kompetenzen und Ressourcen zu erhalten und in die Zukunft zu führen, ist eine bleibende Herausforderung für die radiochemischen Labore.

 

Die CVUAs bedanken sich bei allen beteiligten Behörden – dem Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR), dem Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft (UM), den Regierungspräsidien sowie den Unteren Überwachungsbehörden der Stadt- und Landkreise – für ihre aktive Übungsbeteiligung, u a. mit Hospitation, und die gute Zusammenarbeit.

 

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Artikel erstmals erschienen am 11.11.2025