40 Jahre nach dem GAU von Tschernobyl: Aktuelle Untersuchungsergebnisse zur Radioaktivität in Lebensmitteln, Futtermitteln und Trinkwasser
Carolin Löw, Sören Götz, Carolin Bischoff, Dr. Jörg Rau (CVUA Stuttgart), Matthias Brüderle, Christin Fuchs (CVUA Freiburg)
Die regelmäßige Überwachung der Radioaktivität in der Umwelt sowie in Lebensmitteln, Futtermitteln und Trinkwasser ist ein wesentlicher Bestandteil des nuklearen Notfallschutzes. Radioaktive Stoffe können natürlichen Ursprungs sein oder infolge menschlicher Aktivitäten in die Umwelt gelangen, beispielsweise durch kerntechnische Anlagen, frühere Kernwaffentests oder nukleare Unfälle. Obwohl Deutschland seine letzten Kernkraftwerke im Jahr 2023 abgeschaltet hat, besteht weiterhin ein Risiko radiologischer Einträge aus kerntechnischen Anlagen europäischer Nachbarstaaten. Dort wird Kernenergie weiterhin genutzt: Von bestehenden Anlagen werden die Laufzeiten verlängert oder Modernisierungen vorgenommen und darüber hinaus sind Kernkraftwerks-Neubauten in Planung. Auch aktuelle militärische Konflikte – insbesondere der Krieg in der Ukraine sowie im Nahen Osten – können nukleare Anlagen betreffen und dadurch das Risiko radiologischer Freisetzungen erhöhen, etwa durch Beschuss oder den Ausfall sicherheitsrelevanter Infrastrukturen beim Betrieb der Anlagen.

Grafik 1: Reaktor des Kernkraftwerks Tschernobyl 1986 (Bild links) und 40 Jahre später mit aktueller Schutzhülle über dem havarierten Reaktor (Bild rechts)
Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl jährt sich am 26. April 2026 zum 40. Mal. Dieser Unfall hat gezeigt, dass eine Verbreitung radioaktiver Stoffe über große Entfernungen möglich ist und langlebige Radionuklide wie Cäsium-137 noch Jahrzehnte später in Umwelt und Lebensmitteln nachweisbar sein können. Eine kontinuierliche Überwachung liefert wichtige Daten zur Bewertung der aktuellen Belastungssituation und stellt sicher, dass im Falle eines radiologischen Ereignisses frühzeitig geeignete Schutzmaßnahmen ergriffen werden können.
Im Jahr 2025 analysierten die CVUAs Freiburg und Stuttgart insgesamt 1035 Proben an Lebensmitteln, Futtermitteln, Trinkwasser und bestimmten Umweltproben auf Radioaktivität. Die Proben stammten aus verschiedenen Untersuchungsprogrammen:
- IMIS: Überwachung der Umweltradioaktivität (s. Infokasten)
- Wildüberwachungsprogramm Baden-Württemberg (s. Infokasten)
- Wasseruntersuchungen gemäß Trinkwasserverordnung
- Projekt zur Untersuchung von Wildpilzen
- Weitere Proben aus der Lebensmittelüberwachung

Grafik 2: Verteilung der Radiochemie-Proben 2025 der CVUAs Freiburg und Stuttgart auf die verschiedenen Untersuchungsprogramme
Untersuchungsparameter und Methoden
Welche Radionuklide bestimmt und welche Analyseverfahren eingesetzt werden, richtet sich nach Art und Ziel des jeweiligen Untersuchungsprogramms. Fast alle Proben werden mittels Gammaspektrometrie untersucht. Im Mittelpunkt steht dabei insbesondere Cäsium-137 (Cs-137), das seit der Tschernobyl-Katastrophe in bestimmten Lebensmitteln und Böden auch in Baden-Württemberg nachweisbar ist. Grundlage des Verfahrens ist die charakteristische Gammastrahlung, die beim Zerfall des Nuklids entsteht. Deren Energie und Intensität erlauben eine eindeutige Identifizierung sowie die Bestimmung der Aktivitätskonzentration. Nach einfacher Probenvorbereitung kann die Messung zerstörungsfrei erfolgen.

Grafik 3: Verteilung der Radiochemie-Proben 2025 der CVUAs Freiburg und Stuttgart auf die verschiedenen Untersuchungsmethoden
Ein kleinerer Teil der Proben wird zusätzlich auf weitere gesundheitlich relevante Radionuklide untersucht. Dazu zählen Strontium-90 (Sr-90), verschiedene alphastrahlende Nuklide wie Uran- und Plutonium-Isotope sowie Tritium (H-3). Für diese Bestimmungen ist eine aufwendige nasschemische Probenaufarbeitung erforderlich. Dabei werden die Zielnuklide chemisch abgetrennt und angereichert, um die Nachweisempfindlichkeit zu erhöhen und störende Matrixeffekte zu verringern.
Die anschließende Messung erfolgt mit spezialisierten spektroskopischen Verfahren: Alphaspektrometrie zur Erfassung von Alphateilchen, Low-Level-Beta-Counter-Messung zur Detektion von Betastrahlung sowie Flüssigszintillationszählung (LSC). Bei Letzterer wird die freiwerdende ionisierende Strahlung mittels Szintillatormolekülen in Lichtimpulse umwandelt, die dann detektiert werden können.
In ausgewählten Trinkwasserproben werden zudem natürlich vorkommende Radionuklide wie Uran-238 und andere Uran-Isotope sowie deren Zerfallsprodukte, beispielsweise Radon 222 und die Gesamtalpha-Aktivitätskonzentration, bestimmt. Auch hier kommen geeignete nasschemische Aufbereitungsschritte und spezifische Messverfahren zum Einsatz.
Untersuchungsergebnisse
Die Aktivität von Radionukliden in einer Probe wird in Becquerel (Bq) pro Kilogramm oder Liter angegeben. Ein Wert von 1 Bq/kg Cäsium-137 bedeutet, dass in einem Kilogramm der Probe im Mittel ein Cs-137-Atomkern pro Sekunde zerfällt und dabei Strahlung abgibt.
Infokasten
IMIS-Radioaktivitätsmessungen bundesweit vernetzt
Als Folge der gesammelten Erfahrungen nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 wurde in Deutschland das Strahlenschutzvorsorgegesetz verabschiedet. Als zentraler Bestandteil wurde darin das „Integrierte Mess- und Informationssystem zur Überwachung der Umweltradioaktivität“, kurz IMIS, als wichtiges Instrument zur Erhebung und Zusammenführung von Messdaten über Radioaktivität in verschiedenen Umweltmedien festgelegt.
In dem umfangreichen und systematisch aufgebauten Überwachungskonzept sind mehr als 50 Labore von Bund und Ländern beteiligt. Diese untersuchen nach einer deutschlandweit abgestimmten Messstrategie Proben u. a. aus den Bereichen Lebensmittel, Futtermittel, Trinkwasser, Boden, (Gras-)Bewuchs, Oberflächenwasser, Sedimente, Abwasser und Klärschlamm. In der vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) betriebenen IMIS-Datenbank werden die Ergebnisse gesammelt und als Grundlage für Lagebilder und Prognosen verwendet. Diese Daten können bei Bedarf für Entscheidungen zum Schutz der Gesundheit der Bevölkerung und der Umwelt herangezogen werden.
In Baden-Württemberg sind mit dem CVUA Stuttgart, dem CVUA Freiburg sowie der LUBW Karlsruhe drei Labore als Landesmessstellen an IMIS beteiligt. Im Bereitschaftsmodus, dem sogenannten Routine-Messbetrieb, sind deren Hauptaufgaben die routinemäßige Untersuchung von Proben für Monitoringdaten sowie die Bereithaltung von einsatzfähigen Geräte- und Personalressourcen für einen möglichen radiologischen Notfall. Im Intensiv-Messbetrieb hingegen, der bei einem eintretenden Notfall kurzfristig aufgenommen wird, wird der Laborbetrieb auf einen Schichtbetrieb mit maximaler Probenabarbeitung umgestellt. Hier steht die zuverlässige Ermittlung von Messdaten eines vielfachen Probenvolumens mit hohem Durchsatz, wenn benötigt auch über einen längeren Zeitraum hinweg, im Fokus. Für diese herausfordernde Aufgabe werden regelmäßig länderübergreifende Übungen durchgeführt.
Weitere Informationen:
1. IMIS-Proben
In den 719 untersuchten Lebensmittelproben lagen die Cs-137-Gehalte im Bereich der Nachweisgrenze. Der höchste gemessene Wert betrug 2,64 Bq/kg in Süßwasserfischen (Regenbogenforelle). Zum Vergleich: In der EU wird zur Beurteilung von Cs-137 in Lebensmitteln ein Höchstwert von 600 Bq/kg aus der Durchführungsverordnung (EU) 2020/1158 herangezogen. Davon ausgenommen sind Milch, Milcherzeugnisse und Kleinkindnahrung, für welche ein Höchstwert von 370 Bq/kg angewandt wird.
Ein Teil der Proben wurde ergänzend auf Sr-90 analysiert. Dieses Radionuklid gelangte vor allem durch oberirdische Kernwaffentests der 1950er- und 1960er-Jahre verstärkt in die Umwelt. Heute sind die Gehalte in Lebensmitteln nur noch gering, dennoch bleibt Sr-90 aufgrund seiner hohen Radiotoxizität Bestandteil des regulären Untersuchungsprogramms. Der Maximalwert lag bei 0,42 Bq/L in einer Probe Milch.
Auch die 74 untersuchten Futtermittelproben zeigten nur niedrige Konzentrationen künstlicher Radioaktivität. Die höchsten gemessenen Werte betrugen 0,58 Bq/kg für Cs-137 und 0,32 Bq/kg für Sr-90, jeweils in Weide- und Wiesenbewuchs.
Bei 24 Bodenproben wurden maximale Gehalte von 49,2 Bq/kg Trockenmasse für Cs-137 und 2,9 Bq/kg Trockenmasse für Sr-90 festgestellt.
27 Wasserproben (Trinkwasser sowie Rohwasser zur Trinkwassergewinnung) wurden neben der Gammaspektrometrie zusätzlich auch auf Sr-90, Uran- und Plutonium-Isotope sowie Tritium (H-3) untersucht. Keines dieser Radionuklide war oberhalb der geforderten Nachweisgrenze von 0,01 Bq/L nachweisbar. Einige Standorte wurden im Jahresverlauf mehrfach beprobt, um natürliche Schwankungen der Aktivitätswerte besser beurteilen zu können.
2. Wildschweinfleisch
Eine besondere Stellung nimmt weiterhin Wildschweinfleisch ein. In bestimmten Regionen Europas weisen manche Proben von Wildschweinfleisch auch vier Jahrzehnte nach Tschernobyl noch erhöhte Cs-137-Gehalte auf. Ursache ist unter anderem der Hirschtrüffel, der Cäsium aus dem Waldboden anreichert. Für das Schwarzwild sind diese Bodenpilze eine Nahrungsquelle. Besonders im Schwarzwald und in Oberschwaben werden teilweise Werte oberhalb des gesetzlichen Höchstwerts von 600 Bq/kg gemessen.
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Wildüberwachungsprogramm Baden-Württemberg
Die Landesregierung hat im Jahr 2006 gemeinsam mit dem Landesjagdverband ein Überwachungssystem für Wildschweinfleisch eingerichtet. Es soll sicherstellen, dass Fleisch mit Cs-137-Gehalten über dem Höchstwert von 600 Bq/kg nicht in den Handel kommt, sondern fachgerecht entsorgt wird.
Das Überwachungssystem umfasst folgende Stufen:
- In Überwachungsgebieten, also Bereichen, in denen eine radioaktive Belastung häufiger auftreten kann, muss jedes erlegte Stück Schwarzwild untersucht werden (100%-ige Eigenkontrolle). Dazu haben der Landesjagdverband und einige Landkreise Messstellen eingerichtet.
- In den häufig angrenzend gelegenen Monitoringgebieten wird Schwarzwild stichprobenartig in einem amtlichen Monitoring durch die CVUAs Freiburg und Stuttgart untersucht.
- Zur Überprüfung der Effektivität des Überwachungsprogramms werden von den CVUAs unabhängige Stichproben von Wildschweinfleisch aus Gaststätten und Metzgereien untersucht.
Die beiden CVUAs untersuchten im Jahr 2025 insgesamt 248 Wildschweinproben aus Baden-Württemberg auf Cs-137. Dabei wurde zwischen Proben vor der Vermarktung (aus Überwachungs- und Monitoring-Gebieten, eingesandt von Jägern und Jagdmessstellen) und im Handel entnommenen Proben aus Metzgereien und Gastronomie unterschieden.
Von den 170 vor der Vermarktung analysierten Proben überschritten 30 den Grenzwert von 600 Bq/kg. Der höchste Einzelwert wurde im Landkreis Ravensburg mit 4420 Bq/kg gemessen. Diese Ergebnisse sind jedoch nicht repräsentativ für das gesamte erlegte Schwarzwild im Land, da gezielt Tiere aus höher belasteten Regionen untersucht werden. Entsprechendes Fleisch wird als nicht verkehrsfähig eingestuft und fachgerecht entsorgt.
Die vollständigen Untersuchungsdaten aller Messstellen des Landes (einschließlich der Eigenkontrollmessstellen) werden vom CVUA Freiburg für jedes Jagdjahr (01.04.–31.03.) ausgewertet und im Herbst des jeweiligen Jahres auf der Seite "Radioaktivität in Wildschweinfleisch – Messwerte und Daten" veröffentlicht.
Bei den 78 untersuchten Wildschwein-Proben aus Gastronomie und Metzgereien wurde in einem Fall mit einem Gehalt an Cs-137 von 1160 Bq/kg eine Grenzwertüberschreitung festgestellt. Diese Probe wurde als nicht verkehrsfähig beanstandet.
Fleisch anderer Wildarten aus Baden-Württemberg, beispielsweise von Rehwild, zeigte in den vergangenen Jahren keine Cs-137-Gehalte oberhalb des Richtwerts von 600 Bq/kg.
3. Wasserproben gemäß Trinkwasserverordnung
In bestimmten Regionen in Baden-Württemberg können aufgrund der Bodengeologie natürliche Radionuklide der Uran- und Thorium-Zerfallsreihen im Trinkwasser vorkommen.
Weitere Informationen hierzu sind auf der Seite "Strahlenbelastung des Menschen – Natürliche Quellen radioaktiver Strahlung" abrufbar.
Im Rahmen gezielter Untersuchungen an einzelnen Quellfassungen und Ortsnetzen wurden sechs Wasserproben auf ihre Gesamt-Alpha-Aktivitätskonzentration sowie den Gehalt an Radon-222 geprüft. Dabei wurden teilweise erhöhte Gehalte an Radon-222 bis 143 Bq/L sowie in einem Fall ein erhöhter Wert der Gesamt-Alpha-Aktivitätskonzentration von 0,078 Bq/L festgestellt und an die zuständigen Behörden gemeldet. Der Parameterwert der Trinkwasserverordnung für Radon-222 liegt bei 100 Bq/L, der Prüfwert für die Gesamt-Alpha-Aktivitätskonzentration bei 0,05 Bq/L.
4. Wildpilze
Aus Naturschutzgründen dürfen heimische Wildpilze in Baden-Württemberg nicht gewerblich genutzt, sondern nur für den Eigenbedarf gesammelt werden (maximal 1 kg pro Person und Tag). Daher stehen den CVUAs Untersuchungsproben von Wildpilzen nur durch freiwillige Einsendungen privater Pilzsammler zur Verfügung oder durch Importproben aus dem Ausland.
Insgesamt wurden im Jahr 2025 13 Pilzproben aus Baden-Württemberg sowie Importe aus Osteuropa auf Cs-137 analysiert. Die gemessenen Werte lagen wie in den Vorjahren deutlich unter dem Höchstwert von 600 Bq/kg. Der höchste festgestellte Wert betrug 152 Bq/kg.
Am Sonntag, den 18. Oktober 2026, wird sich das Radiochemische Labor des CVUA Stuttgart im Rahmen des Tags der offenen Tür den Besuchern präsentieren. Hier dürfen gerne eigene Pilzproben für die Untersuchung mitgebracht werden.
Darüber hinaus können jederzeit selbst gesammelte Proben an die beiden CVUAs gesendet werden. Informationen zum Ablauf sind in der Übersicht "Wildpilzproben von privaten Einsendern – Informationen und Probenbegleitblatt" zusammengestellt.
Fazit
Die Radioaktivitätsmessungen der CVUAs Stuttgart und Freiburg für das Jahr 2025 belegen insgesamt eine geringe Belastung von Lebensmitteln, Futtermitteln, Böden und Trinkwasser in Baden-Württemberg mit künstlichen Radionukliden. Eine Ausnahme bilden weiterhin Wildschweine in einzelnen Regionen des Schwarzwalds und Oberschwabens, bei denen erhöhte Cs-137-Werte auftreten können. Hier greift das etablierte Wildüberwachungsprogramm Baden-Württemberg zur Erkennung belasteter Fleischstücke vor der Vermarktung. Um den vorsorglichen Verbraucherschutz weiterhin zu gewährleisten und im Fall eines nuklearen Ereignisses vorbereitet zu sein, bleibt eine kontinuierliche Überwachung der Radioaktivität unverzichtbar.
Bildnachweis
Grafik 1 (Bild links): IAEA Imagebank, IAEA 02790015 (5613115146), CC BY-SA 2.0
Grafik 1 (Bild rechts): Jorge Franganillo from Barcelona, Spain, Chernobyl nuclear power plant (38342070546), CC BY 2.0
Grafiken 2 und 3: CVUA Stuttgart