25 Jahre Tschernobyl - die baden-württembergische Lebensmittelüberwachung zieht Bilanz

Dr. Helmut Kaut, CVUA Stuttgart und Dr. Martin Metschies, CVUA Freiburg

 

Am 26. April 1986 ereignete sich der Reaktorunfall im Atomkraftwerk Tschernobyl. Fast ein viertel Jahrhundert später gleicht die Katastrophe vom März 2011 von Fukushima in Japan einem Déjà-vu-Erlebnis.

 

Folgen für Deutschland und Baden-Württemberg

In der Bundesrepublik Deutschland war die Strahlenbelastung nach Tschernobyl je nach geographischer Lage recht unterschiedlich. Am stärksten betroffen war Südbayern, wo im Mai 1986 bis zu 45000 Bq/m² Cs-137 an der Bodenoberfläche registriert wurden.
Besonders betroffen vom radioaktiven Niederschlag (Fallout) waren in Baden-Württemberg der Raum Oberschwaben, Nordschwarzwald sowie in Bayern Gebiete südlich der Donau.
 

Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart (CVUA) war innerhalb weniger Tage für den Massenansturm der Proben einsatzbereit.
 

Bis zum Jahresende wurden im Jahr 1986 ca. 4000 Proben von Lebensmitteln einheimischer Erzeugung und von Importen vorwiegend mit Hilfe der Gamma-Spektrometrie auf die Belastung mit aus diesem Unfall stammenden Radionukliden untersucht.
Aufgrund der Tschernobyl-Erfahrungen richtete Baden-Württemberg 1990 eine weitere Landesmessstelle für Radioaktivität am CVUA Freiburg ein.

 

Situation 2010

Schmuckelement.Auch 25 Jahre nach Tschernobyl sind radiochemische Untersuchungen noch immer von öffentlichem Interesse. Im Rahmen des Bundesmessprogrammes nach § 3 Strahlenschutzvorsorgegesetz sind das CVUA Stuttgart und das CVUA Freiburg als Landesmessstellen für Lebensmittel, Futtermittel, Böden und Trinkwasser in das Integrierte Mess- und Informations-System zur Überwachung der Umweltradioaktivität (IMIS) eingebunden. Im Mittelpunkt steht dabei, wie auch in den Jahren zuvor, die gammaspektrometrische Analyse der Grundnahrungsmittel. Es wurden 1669 Proben untersucht.
 

 

Die Kontamination mit radioaktivem Cäsium (Cäsium-134 und Cäsium-137) ist bei Lebensmitteln nur noch sehr gering und unterschreitet den EU-Richtwert von 600 Bq/kg erheblich. Die Gehalte der meisten Proben liegen sogar unter der Nachweisgrenze.
 

 

Von 26 untersuchten Pilzen stammten 4 aus Litauen, je 1 aus Russland, Serbien, Frankreich, Bulgarien, China und 2 aus Weißrussland. Der höchste ausländische Wert betrug 169 Bq/kg (Litauen). Der Maximalwert von 315 Bq/kg wurde in einer von einem privaten Sammler eingesandten Pilzprobe aus dem Kreis Biberach gemessen.


Weitere Proben wurden zusätzlich auf Strontium-90, Wasser auch auf Tritium untersucht. Die Werte waren unauffällig.


Allerdings sind Wildschwein-Proben in Süddeutschland selbst 25 Jahre nach Tschernobyl teilweise noch deutlich mit radioaktivem Cs-137 belastet. Aus diesem Grund hat die baden-württembergische Landesregierung gemeinsam mit dem Landesjagdverband im Jahr 2006 ein Überwachungssystem für Wildfleisch eingerichtet. Das Überwachungssystem umfasst dabei zwei Komponenten: In den sog. Überwachungsgebieten, also Bereichen, in denen eine radioaktive Belastung häufiger auftreten kann, muss jedes erlegte Stück Schwarzwild untersucht werden (100%-ige Eigenkontrolle). Dazu haben der Landesjagdverband und einige Landratsämter Messstellen eingerichtet. In den übrigen Landesteilen wird Schwarzwild stichprobenweise in einem amtlichen Monitoring bei den CVUAs Stuttgart und Freiburg untersucht. Die Messwerte werden zentral vom CVUA Freiburg zusammengeführt und ausgewertet und können von jedermann im Internet abgerufen werden. Dadurch soll sichergestellt werden, dass Wild mit Cs-137 Gehalten über dem Richtwert von 600 Bq/kg nicht in den Handel kommt.


Gebiete, in denen es zu Überschreitungen des Grenzwertes der Cäsium-Belastung (600 Bq/kg) kommen kann, waren 1986 stärker vom Fallout betroffen, die Belastung tritt dort aber nicht flächendeckend auf, sondern konzentriert sich auf bestimmte Bereiche.
 

 

Der Richtwert wurde im Jahr 2010 bei 113 von 558 noch nicht im Handel befindlichen Wildschweinproben überschritten. Den Maximalwert von 9640 Bq/kg zeigte eine Wildschweinprobe aus dem Nordschwarzwald.
Die aktuellen Untersuchungsergebnisse für das zurückliegende Jagdjahr (01.04.2010-31.03.2011) sind in Kürze zu finden unter: https://www.ua-bw.de/pub/beitrag.asp?subid=3&Thema_ID=15&ID=1156.
 

 

Wildbret der übrigen Wildarten in Baden-Württemberg, also v.a. von Reh-, Rot- und Damwild sowie von Hase, Enten und Fasan, ist nicht belastet.

 

Vorsorgliches Überwachungsprogramm für ostasiatische und pazifische Importprodukte

Auf Grund des Reaktorunfalls in Fukushima/Japan [1] hat das baden-württembergische Verbraucherschutzministerium am 16. März ein Sonderprobenprogramm erlassen: Untersucht wurden 11 Proben aus Japan und 15 Proben aus dem ostasiatischen und pazifischen Raum.

 

Wie zu erwarten war, gab es keine Gehalte über der Nachweisgrenze. Die Lebensmittel waren allerdings noch vor der Katastrophe importiert worden. Somit geben die Messwerte einen guten Anhaltspunkt für die Grundbelastung vor der Katastrophe. Zusätzlich sollen von April bis Juni nochmals Fisch- und Shrimpsproben aus Japan und benachbarten Ländern untersucht werden. Je nach Bewertung der Proben wird entschieden, ob gegebenenfalls weitere Probenahmen erforderlich sind.
 

 

Am 25. März 2011 hat die Europäische Union Einfuhr-Vorschriften für Lebensmittel und Futtermittel aus Japan beschlossen, die am 11. April 2011 hinsichtlich der Grenzwerte nochmals geändert wurden. In Baden-Württemberg sind bislang keine Einfuhrproben zur Untersuchung gelangt, da hier praktisch keine Einfuhren aus Japan ankommen.

 

[1]Aktuelle Wetterdaten aus Fukushima mit Ausbreitung der Wolke und permanente Freisetzung von Jod-131 s.

 

IMIS

Um bei möglichen Ereignissen wie die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in der Zukunft besser reagieren zu können (z. B. frühzeitiges Einbringen der Ernte, Abdecken von Freilandkulturen, Empfehlungen an die Öffentlichkeit), beschloss der Bundestag 1986 die Einrichtung des bundesweiten Radioaktivitätsmessnetzes IMIS (= Integriertes Mess- und Informations-System zur Überwachung der Umweltradioaktivität). Die CVUAs Freiburg und Stuttgart sind als Landesmessstellen für Baden-Württemberg in dieses System eingebunden und untersuchen für das Bundesmessprogramm routinemäßig mehr als 800 Lebensmittel- und Futtermittelproben im Jahr. Die aktuellen Messergebnisse sind in Form von Karten und Diagrammen über das Internet beim Bundesamt für Strahlenschutz abrufbar [2]. Dort finden sich auch umfangreiche Erläuterungen und gegebenenfalls entsprechende Empfehlungen an die Bevölkerung. IMIS wertet die Daten im Normalbetrieb täglich, im Ereignisfall alle 2 Stunden aus.


Um für den Ernstfall gewappnet zu sein, werden regelmäßig Übungen zur Aufrechterhaltung der Einsatzbereitschaft durchgeführt.


Aktuelle Luftmessungen auf Radioaktivität werden täglich vom Bundesamt für Strahlenschutz veröffentlicht [3]. Die Spurenmessstelle auf dem Schauinsland bei Freiburg überwacht kontinuierlich mit hochempfindlichen Systemen die Radioaktivität in der Luft. Sie ist auf Grund der Überwachung des Atomwaffensperrvertrags Teil eines weltweiten Netzes und konnte bereits Spuren von Cs-137 und Jod-131 aus dem japanischen Reaktorunglück nachweisen, allerdings im Bereich 0,0001 Bq/m3! Auch diese Messungen können übers Internet aufgerufen werden [4].


Ein Übersichtsartikel über IMIS ist kürzlich in der Deutschen Lebensmittelrundschau erschienen (M. Metschies, DLR I, 159 - 162 (2011) )
 

 

[2]http://www.bfs.de/de/ion/imis

[3]http://odlinfo.bfs.de/

[4]http://www.bfs.de/de/ion/imis/luftueberwachung.html

 

 

Weitere Informationen:

 

Bild

CVUA Stuttgart

 

Artikel erstmals erschienen am 21.04.2011