Baden-Württemberg

Die Untersuchungsämter für Lebensmittelüberwachung und Tiergesundheit

Hepatitis E-Viren in Schweinelebern – ein Problem?

Dr. Matthias Contzen

 

Während die Hepatitis E noch vor wenigen Jahren als Erkrankung galt, mit der sich Personen hauptsächlich bei Fernreisen nach Afrika oder Asien infiziert haben, ist die Erkrankung mittlerweile als auch bei uns häufig auftretende, lebensmittelbedingte Zoonose (d. h. Erkrankung, die von Tieren auf Menschen und umgekehrt übertragen werden kann) anerkannt. Der Grund dafür, dass viele Hepatitis E-Infektionen früher unerkannt blieben und auch heute noch bleiben, ist der häufig mild bis symptomlose Verlauf dieser Leberentzündung. Dennoch können auch schwere Verläufe einer fulminanten Hepatitis bis hin zum Leberversagen auftreten [1].

 

Auslöser dieser spezifischen Leberentzündung ist das Hepatitis E-Virus (HEV, s. Infokasten).
Als Hauptreservoir für humanpathogene HEV werden hierzulande Tiere, insbesondere Schweine angesehen (s. auch Hepatitis E beim Wildschwein). Die Möglichkeit einer Übertragung des Virus über rohe oder unzureichend durcherhitzte Schweinefleischprodukte besteht bewiesenermaßen. Nach Daten des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) wurde das Erbgut von HEV in bis zu 22 % der in Deutschland untersuchten Brüh- und Kochwürste nachgewiesen [2]. Da diese Viren jedoch im Labor schwer anzüchtbar sind, ist bisher noch unklar, ob die hier nachgewiesenen Viren auch tatsächlich infektiös sind.

 

Der Eintrag von HEV in die Wurstwaren muss hierbei über das Virus-belastete Fleisch der Schlachttiere erfolgen. Dies kann jedoch nur der Fall sein, wenn sich die Tiere zum Zeitpunkt der Schlachtung in einer frühen Phase der Infektion befinden, in der infektiöse Viruspartikel in großer Zahl im Körper nachweisbar sind.

 

Infokasten

Das Hepatitis E-Virus

Das Hepatitis E-Virus ist ein unbehülltes Einzelstrang RNA-Virus aus der Familie der Hepeviridae. Von den 8 bisher beschriebenen Genotypen sind nur die Genotypen 1–4 humanpathogen [3, 4].

 

  • Die Genotypen 1 und 2 infizieren nur Menschen. Eine Übertragung erfolgt insbesondere in tropischen und subtropischen Gegenden durch verunreinigtes Wasser oder auch verunreinigte Lebensmittel sowie von Mensch zu Mensch (Schmierinfektionen) [3, 4, 5].
  • Die Genotypen 3 und 4 infizieren vor allem Schweine (Haus- und Wildschweine), die auch das Erregerreservoir für diese Genotypen darstellen. Schweine zeigen allerdings im Gegensatz zum Menschen keine klinischen Symptome, erkranken also nicht an einer Hepatitis. Die Übertragung auf den Menschen (Zoonose) erfolgt meist über den Verzehr von nicht oder nicht vollständig durchgegartem Schweine- oder Wildschweinefleisch [3, 4].
  • Die Genotypen 5 und 6 wurden auch bei Wildschweinen, die Genotypen 7 und 8 bei Kameliden nachgewiesen und sind von untergeordneter Bedeutung.

 

In Deutschland werden die meisten Infektionen durch den Genotyp 3 (HEV-3) verursacht [3, 4, 5].

 

Hepatitis E-Viren in Lebern von Schlachtschweinen und Ferkeln

Um einen Eindruck zu gewinnen, wie häufig Schweine mit einer akuten HEV-Infektion zur Schlachtung gelangen, wurde bereits im Jahr 2022 ein bundesweites Zoonosenmonitoring durchgeführt. Zur Anwendung kam hierbei eine unter Beteiligung des CVUA Stuttgart speziell für die Untersuchung von Schweinelebern auf HEV validierte Methode [2, 6]. Es zeigte sich, dass bundesweit in 4,9 % der Proben frischer Schlachtleber von Mastschweinen am Schlachthof das Hepatitis-E-Virus nachgewiesen werden konnte [7]. Zu den im Rahmen dieses Monitorings dem CVUA Stuttgart vorgelegten Proben konnte jedoch nicht durchgängig eine Aussage darüber getroffen werden, ob die Lebern auch von Tieren stammten, die in Baden-Württemberg aufgezogen, oder von Schweinen, die erst zum Schlachten ins Land transportiert worden waren.

 

Um die spezifische Situation in Baden-Württemberg besser einschätzen zu können, führte das CVUA Stuttgart daher 2023 ergänzend zu dem bundesweiten Monitoring ein Projekt mit dem Fokus auf regional aufgezogene und geschlachtete Schweine durch. Hierbei waren wiederum nur 2,7 % (2 von 73) der untersuchten Schlachtlebern positiv für HEV, was die niedrigen Ergebnisse aus dem bundesweiten Zoonosenmonitoring bestätigte. Zusätzlich wurden auch Lebern von Ferkeln und jungen Schweinen untersucht, die in der Pathologie des CVUA Stuttgart angeliefert worden waren. Im Gegensatz zu den Schlachtschweinen lag die Inzidenz bei diesen jungen Schweinen und Ferkeln aus Baden-Württembergischen Schweinebeständen, die deutlich vor ihrem Schlachtalter untersucht wurden, mit 7,2 % (6 von 83 Proben) erkennbar höher. Dies kann als Hinweis darauf gedeutet werden, dass sich die Schweine in den Beständen relativ früh infizieren (wobei sie selber symptomlos bleiben) und nach Abklingen der Infektion zum Zeitpunkt der Schlachtung wahrscheinlich keine infektiösen Viren mehr in sich tragen.

 

Abb. 1: Probenahme an einer (Wild-)Schweineleber.

Abb. 1: Probenahme an einer (Wild-)Schweineleber

 

Gute Nachricht

Insgesamt sind die Ergebnisse aus dem bundesweiten Zoonosenmonitoring, wie auch aus unseren eigenen, regionalen Untersuchungen als gute Nachricht zu werten. Die Zahlen für mit Hepatitis E-Viren kontaminierte Schlachtlebern von Schweinen aus Baden-Württemberg liegen hierbei unter dem Bundesschnitt. Eine statistisch belastbare Aussage wäre aufgrund der niedrigen Inzidenz aber nur bei Untersuchung einer größeren Probenanzahl möglich. Daher werden wir auch zukünftig Schweinelebern auf Viren untersuchen.

 

Beim Durchgaren von Fleisch, wie auch bei der Herstellung von Brüh- oder Kochwürsten (wie z. B. Leberwürsten), ist davon auszugehen, dass die im Fleisch bzw. in der Leber vorhandenen HEV inaktiviert werden und somit keine Infektionen mehr hervorrufen können. Zum Effekt von Säuerungs- und Reifungsprozessen bei der Herstellung von Rohwürsten, wie z. B. Zwiebelmettwurst oder Salami, liegen derzeit jedoch noch keine abschließenden Daten vor. Das höchste Risiko für eine HEV-Infektion geht sicherlich vom Rohverzehr von rohem, unverarbeitetem Schweinefleisch wie beispielsweise Schweinemett aus. Hier mag sich der gesunde Liebhaber von Mettbrötchen mit der Tatsache trösten, dass ein großer Teil der HEV-Infektionen schwach bis symptomlos verlaufen.

 

Für besonders empfindliche Personengruppen, wie Kleinkinder, Schwangere, sehr alte oder kranke Personen ist zumindest der Verzehr von schnellgereiften Rohwürsten aus (Wild-)Schweinefleisch (z. B. frische Mettwurst, Teewurst, Braunschweiger) jedoch nicht zu empfehlen (vgl. Merkblatt „Sicher verpflegt – Besonders empfindliche Personengruppen in Gemeinschaftseinrichtungen“ des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR)). Dies ergibt sich jedoch nicht speziell aus dem Risiko einer Hepatitis E-Infektion, sondern aus dem allgemeinen mikrobiologischen Risiko welches derartige Lebensmittel darstellen [8].

 

Dieser Artikel stellt Teile der Ergebnisse eines durch das Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg unterstützten Projektes dar.

 

Bildernachweis

Foto: E. Hiller, CVUA Stuttgart

 

Quellen

[1] Dudareva S, Faber M, Zimmermann R, Bock C-T, Offergeld R, Steffen G, Enkelmann J (2022): Epidemiologie der Virushepatitiden A bis E in Deutschland. Bundesgesundheitsblatt 65:149–158.

 

[2] Szabo K, Trojnar E, Anheyer-Behmenburg H, Binder A, Schotte U, Ellerbroek L, Klein G, Johne R (2015): Detection of hepatitis E virus RNA in raw sausages and liver sausages from retail in Germany using an optimized method. International Journal of Food Microbiology 215:149–156.

 

[3] Robert-Koch-Institut (2015): Hepatitis E, RKI-Ratgeber.

 

[4] Johne R, Althof N, Nöckler K, Falkenhagen A (2022): Das Hepatitis-E-Virus – ein zoonotisches Virus: Verbreitung, Übertragungswege und Bedeutung für die Lebensmittelsicherheit. Bundesgesundheitsblatt 65:202–208.

 

[5] Pischke S, Behrendt P, Bock CT, Jilg W, Manns MP, Wedemeyer H (2014): Hepatitis E in Deutschland – eine unterschätzte Infektionskrankheit. Deutsches Ärzteblatt 111:577–583.

 

[6] Trojnar E, Contzen M, Moor D, Carl A, Burkhardt S, Kilwinski J, Berghof-Jäger K, Mormann S, Schotte U, Kontek A, Althof N, Mäde D, Johne R (2020): Interlaboratory Validation of a Detection Method for Hepatitis E Virus RNA in Pig Liver. Microorganisms 8:1460.

 

[7] Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (2022): BVL-Report 18.3 – Berichte zur Lebensmittelsicherheit – Zoonosen-Monitoring 2022.

 

[8] https://www.bfr.bund.de/cm/350/sicher-verpflegt-besonders-empfindliche-personengruppen-in-gemeinschaftseinrichtungen.pdf

 

Artikel erstmals erschienen am 18.03.2024 07:37:06

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